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Bereits 1923 sprach der Schauspieler Emil Jannings mit
Heinrich Mann über eine Verfilmung. Jannings war
in Deutschland und Europa bereits ein gefeierter Star
und lernte 1925 in Berlin den jungen, in Österreich
geborenen Regisseur Josef von Sternberg kennen. Josef
von Sternberg war schon 1908 in die USA ausgewandert und
hatte 1924 gleich mit seinem ersten Film THE SALVATION
HUNTERS einen sensationellen Erfolg. 1925 machte er eine
Reise durch Europa; der Autor und Industrielle Karl
Vollmoeller arrangierte für ihn das Treffen mit Jannings.
Ein Jahr darauf wurde auch Jannings von Hollywood engagiert.
Sein 1925 gedrehter Film VARIETÉ (Regie:
E.A. Dupont) galt als eine sensationelle Entdeckung
und Jannings avancierte in Hollywood zu einem der höchstbezahlten
Schauspieler der Welt. Er war dort nicht der einzige berühmte
Deutsche. Vor ihm war unter anderem schon der Regisseur
Ernst Lubitsch nach Amerika gegangen und arbeitete dort
mit großem Erfolg. Jannings drehte in Hollywood mit
Lubitsch, aber auch mit Sternberg. Für seine herausragende
schauspielerische Leistung in dem Sternberg-Film THE LAST
COMMAND erhielt Jannings den ersten, jemals an einen
Schauspieler verliehenen Oscar.
Erich Pommer, als Produktionschef der Ufa unter anderem
auch verantwortlich für VARIETÉ, ging 1926
ebenfalls nach Hollywood. Jannings, Lubitsch,
Sternberg, Pommer und Vollmoeller trafen dort gelegentlich
zusammen; sie wußten, daß sie gemeinsam
hervorragende und vor allem finanziell ertragreiche Filme
produzieren konnten – was nicht unbedingt auch bedeutete,
daß sie sich auch persönlich schätzten.
1928 arbeitete Erich Pommer wieder in Berlin. Die Ufa beauftragte
ihn, Emil Jannings wieder nach Deutschland zurück
zu holen. Trotz der hohen Gagen fühlte sich Jannings
in Hollywood als ein Fremder und akzeptierte schließlich
Pommers Vorschlag. Ihn trieben nicht nur das Heimweh und
die in Aussicht gestellte Gage von 70.000,– Mark
nach Deutschland zurück. Nachdem 1927 und 1928 die
Tonfilme THE JAZZ–SINGER und THE SINGING FOOL in Amerika
alle Kassenrekorde gebrochen hatten, stellte sich die
Filmindustrie auf den Tonfilm um; aber Jannings beherrschte
die englische Sprache nicht so perfekt wie es für Filme
in den USA nötig gewesen wäre.
In Deutschland hatte man 1929 noch keine großen
Erfahrungen mit der neuen Technik. In nur fünf Monaten
– von Mai bis September 1929 – baute die Ufa
in Babelsberg neue, speziell für Tonaufnahmen
eingerichtete Ateliers; aber wer sollte den wichtigen
ersten Tonfilm mit Emil Jannings drehen? Sternberg
hatte bereits mit Jannings einen großen Erfolgsfilm
gemacht, Sternberg hatte gerade in den USA seinen
ersten Tonfilm THUNDERBOLT abgedreht, Sternberg sprach
Deutsch und Sternbergs Gagenforderung war niedriger als
die von Lubitsch. Diese vier Motive waren ausschlaggebend
für das Engagement des Regisseurs.
Als Josef von Sternberg und seine Frau am 16. August 1929
in Berlin eintrafen, schlug Jannings zunächst
einen Film über "Rasputin" vor; Sternberg
ließ sich nicht überrumpeln und lehnte ab.
Schon am nächsten Tag einigte man sich auf die Verfilmung
des Romans "Professor Unrat". Für die Arbeit
am Drehbuch wurden die Theaterautoren Carl Zuckmayer und
Karl Vollmoeller verpflichtet. Ihnen wird von der Ufa
der Drehbuchroutinier Robert Liebmann beigestellt. Von
August bis Oktober entstanden drei verschiedene Drehbuch-Fassungen,
deren letzte Sternberg beim Drehen nochmals veränderte.
Neben allen technischen Problemen des Tonfilms gab es
noch eine Schwierigkeit. Beim Stummfilm brauchte man nur
die Zwischentitel zu übersetzen, und schon hatte
man eine fremdsprachige Fassung. Beim Tonfilm war das
nicht möglich, und mit der Synchronisation war
man noch nicht vertraut. Außerdem konnte Emil Jannings
nicht plötzlich mit einer fremden Stimme sprechen.
Deshalb entschloß sich die Ufa, gleichzeitig
eine deutsche und eine englische Fassung zu drehen und
machte aus dem Lateinlehrer des Buches einen Englischlehrer.
Im September 1929 hatten zwei neue Theaterstücke
in Berlin Premiere. Das Sozialdrama "Cyankali"
von Friedrich Wolff im Lessing Theater mit der "Gruppe
Junger Schauspieler" und die Revue "Zwei Krawatten"
von Georg Kaiser. Josef von Sternberg sah sich die beiden
Stücke an und entschied: Aus "Cyankali"
werden Ilse Fürstenberg (die Wirtschafterin
des Professors), Ludwig Roth (der Pedell
der Schule), Gerhard Bienert (der Clown)
und Reinhold Bernt )der Schupo) verpflichtet;
aus der Revue ZWEI KRAWATTEN werden Rosa Valetti (die
Sängerin Guste) und Hans Albers (Mazeppa,
Kraftkünstler) für den BLAUEN ENGEL ausgewählt.
Marlene Dietrich, ebenfalls im Ensemble der Revue
ZWEI KRAWATTEN, ließ Sternberg zu Probeaufnahmen
für die Rolle der Lola Lola kommen. Ihre Chancen
standen nicht gut. Ein Ufa-Mitarbeiter brachte die Meinung
auf den Punkt: "Sie hat einen schönen Popo,
aber brauchen wir nicht auch ein Gesicht?" Sternberg
ließ sich nicht von seinem Plan abbringen.
Der Rest ist Geschichte: aus dem Emil Jannings-Film wurde
ein Marlene Dietrich-Film, aus der unbekannten Schauspielerin
ein Weltstar. Von November 1929 bis zum 22. Januar 1930
dauerten die Dreharbeiten, am 11. Februar verließ
Josef von Sternberg Berlin in Richtung Amerika; zwei
Tage später unterschrieb Marlene Dietrich einen Vertrag
mit der Paramount in Hollywood. Sydney R. Kent, Generaldirektor
der Paramount, war auf Talentsuche in Berlin und
engagierte die unbekannte Marlene Dietrich auf Anraten
Sternbergs. Am 1. April 1930 um 20 Uhr war die Weltpremiere
des BLAUEN ENGELS. Das war gleichzeitig die Geburtsstunde
der Legende Marlene; sie aber bekam davon nur wenig
mit. Noch am Premierenabend ging es aus Berlin nach Hollywood,
einer glanzvollen Karriere entgegen.
Der BLAUE ENGEL wird oft definiert als eine Paraphrase
auf die alte Geschichte des rechtschaffenen Mannes,
der einer "femme fatale" zum Opfer fällt.
Aber von einem Vorbild an Rechtschaffenheit ist Professor
Rath weit entfernt. Jannings charakterisiert den Lehrer
mit großer mimischer Kraft als ein hinterhältiges
Ungeheuer, das nur darauf aus ist, einen Schüler
zu erwischen. Allein sein stechender Blick löst beim
Klassenprimus mit dem sinnfälligen namen Angst Panik
aus. Die Macht des Professors basiert auf der Ausübung
reiner Willkür; keiner der Schüler weiß
genau, wen er als nächsten demütigen wird.
Ganz anders dagegen die Welt der Lola Lola. Sie steht
auf der Bühne, grell ausgeleuchtet, den
Blicken aller Besucher ausgesetzt. Diese Welt betritt
der Professor, noch im Dunkeln des Zuschauerraums,
auf der Suche nach seinen Schülern. Lola Lola singt:
"Kinder, heut abend, da such ich mir was
aus, einen Mann, einen richtigen Mann".
Und sie richtet den Scheinwerfer auf den Professor,
der nun wir ein gefangener Fisch im Netz zappelt. Sternberg
verknüpft zwei unterschiedliche Welten, in dem
er ihr Prinzip umkehrt. Der Professor, der wie seine
Schüler lieber unentdeckt geblieben wäre,
wird "vorgeführt" und "ins Licht gebracht".
Aber anders als der Professor handelt Lola Lola,
deren Postkarte er vorher heimlich angesehen hat,
im vollen Licht der Öffentlichkeit. Sie betreibt
das Spiel der Erotik, dessen Gesetze der Professor
nicht versteht. Eben daran wird er zugrunde gehen.
Noch bevor Lola Lola das erste Mal leibhaftig zu sehen
ist, stattet Sternberg sie mit einer Reihe imaginärer
Attribute aus. Er stimuliert die Phantasie, ohne
das Objekt der Imagination zu zeigen. Und so dominiert
bei Sternberg das, was man nicht sieht, über
das, was gezeigt wird.
Der erste Auftritt Lola Lolas findet im Verborgenen statt.
Die Schüler in Raths Klasse betrachten heimlich ihre
Star–Postkarte, ohne daß der Zuschauer
selbst sie zu Gesicht bekommt – die Inszenierung
verleiht ihr die Aura des Geheimen, des Verborgenen.
Als Rath in seiner Wohnung die konfiszierte Postkarte
Lola Lolas in der Hand hält, bewegt sich dieses
Bild. Das angeklebte Röckchen hebt sich unter dem
pustend-geilen Blick des Professors. Wieder darf Jannings
schauspielern: Mit verstohlenen Blicken nach links
und rechts vergewissert sich Rath in seiner eigenen Wohnung,
daß er allein ist. Denn nun entdeckt er seine geheimen
erotischen Wünsche. Und die Heimlichkeit, die
Rath an den Tag legt, demontiert zugleich seine Autorität.
Erst von der Postkarte mit dem hochgepusteten Röckchen
blendet Sternberg über in das Lokal "Der blaue
Engel" und auf Marlene Dietrich, in deren Erscheinung
nunmehr alle Projektionen gebündelt sind, die
Sternberg und Jannings als sein unwissentliches Werkzeug
aufgebaut haben.
Friedrich Hollaender hat die berühmten Songs geschrieben,
die Marlene noch Jahrzehnte später in ihren Bühnenshows
sang. Die Tonebene funktioniert aber auch wie ein unterschwelliger
Kommentar zu den Bildern. Die Turmuhr, in der zur
vollen Stunde eine Spieluhr das Lied intoniert "Üb
immer Treu und Redlichkeit, bis an dein kühles
Grab, Und weiche keinen Fingerbreit, von Gottes
Wegen ab" – könnte auch Mozarts Papageno-Arie
meinen: "Ein Männchen oder Weibchen wünscht
Papageno sich – ja, so ein sanftes Täubchen,
wär Seligkeit für mich." Die Melodien sind
identisch. Die Tonfolge ist mit Bedacht gewählt,
sie bringt die Unsicherheit und die heimlichen Wünsche
des Professors zum Klingen.
Der Professor ist der Liebe und der Erotik nicht gewachsen;
genau diese aber sind das Element von Lola Lola. –
Mit Recht singt sie von ihren Liebhabern: "Und
wenn sie verbrennen, ja dafür kann ich nichts."
Sie singt es als Warnung, der Professor aber nimmt
es fäschlicherweise als Schmeichelei.
In dem Masse, wie sich Rath im Laufe des Films zum
Clown, zum Spottbild seiner Prinzipien verändert,
gewinnt Lola Lola an Seriosität. Eine Schlüsselrolle
spielt dabei der Zylinder als ein zentrales Requisit,
an dem sich die Temperatur der dramatischen Verwicklung
ablesen lässt. Bei seinem ersten Besuch im "Blauen
Engel" vergisst der Professor seinen Hut in der Garderobe
und nimmt stattdessen Lola Lolas Höschen mit –
ein Fetisch kleinbürgerlicher Konvention verwandelt
sich unter der Hand in den eines alten Lüstlings.
Bei einem zweiten Besuch in der Garderobe kommt es zu
einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Rath und einem
Seemann, der Lola Lola eindeutige Avancen macht.
Der Professor ist nach den Tätlichkeiten völlig
derangiert, während Lola Lola jetzt schon einen
silbernen Zylinder trägt. Bei dem letzten Auftritt
im "Blauen Engel" schliesslich ist der Zylinder
Raths nur noch Anlass für Spott und Hohn; er
wird vom Zauberer Kiepert durchstochen, ist Ziel
eines Pistolenschusses und sein Träger Opfer von
billigen Witzen. Jetzt wird Rath seine vergangene gesellschaftliche
Position vorgehalten (Kiepert: "Du warst
doch schliesslich mal Professor!"),
und die Gesellschaft nimmt Rache an dem Renegaten,
der kein Clown sein will und kein Mann sein kann. Lola
Lola dagegen ist sozial aufgestiegen: sie posiert
jetzt im teuren Pelz und ihr Ankündigungsplakat ist
deutlich nobler geworden. Den Zylinder hat sie ausgetauscht
gegen einen Hut eines fahrenden Zimmermanns. In männlich-lässiger
Pose setzt sie sich rittlings auf auf einen Stuhl und
singt in einem schneidend triumphierendem Tonfall nochmals
das Lied "Ich bin von Kopf bis Fuss ...".
Lola Lolas Vitalität und ihr offener Umgang mit der
Sexualität, sind ein festes Fundament ihres
klaren, nach den Gesetzen der Tauschgesellschaft
ausgerichteten Charakters. Raths Welt dagegen wird beherrscht
von einer nur äußerlichen, im Grunde aber
morschen Moral; Lola Lola bringt diese Welt der Heuchelei
und Spruchweisheiten zum Einsturz. Professor Rath und
Lola Lola sind nicht einfach nur Prototypen ihres Geschlechts,
sie vertreten vielmehr Moderne und Reaktion. Daß
der Film und die Rolle Marlene Dietrichs immer wieder
anders gedeutet wurden, daß immer wieder Lola
Lola als ein Vamp, als eine Femme Fatale geschildert
wird, an der der brave Professor zugrunde geht –
das alles hat mehr mit der Verfassung unserer Gesellschaft
zu tun als mit dem Film. Aber es zeichnet gerade seinen
hohen Rang aus, daß er vor siebzig Jahren Kontroversen
ausgelöst hat, die bis heute nicht beendet sind.
DER BLAUE ENGEL wurde von der rechten Presse noch am Vorabend
der Premiere zum Anlaß für eine Polemik gegen
Heinrich Mann genommen. Der Film habe die Intentionen
Manns aufgehoben und so seine Satire auf das Kleinbürgertum
ins dramatisch–menschliche gewendet. Umgehend verteidigte
Heinrich Mann den Film und die Produktion Erich Pommers;
aber sein Name ist von nun an untrennbar mit dem Film
verbunden. Als 1933 der Film von den Nazis verboten wurde,
erschien auf der Titelseite der NS–Satireblattes
"Die Brennessel" eine Karikatur, die Mann
mit Judenlocken und den Beinen der Lola Lola zeigt. In
den fünfziger Jahren wetterte Theodor W. Adorno,
nunmehr von der linken Position, gegen den Film,
der den literarischen Stoff des "Professor Unrat"
verunstaltet habe. Das "Museum of Tolerance"
in Los Angeles illustrierte sogar noch Mitte der neunziger
Jahre eine Internet–Seite über Schauspieler,
die dem Hitler-Regime zu Willen waren, mit einem
Bild von Marlene Dietrich aus dem BLAUEN ENGEL.
Im Streit um denBLAUEN ENGEL geht Lola Lola/Marlene
Dietrich dann doch als eine zweifelhafte Siegerin hervor,
geronnen zu einer Ikone der Postmoderne und durchlässig
für Deutungen jedweder Art.
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